2012 – Drehbuch einer Corona-Pandemie

Im Auftrag des Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe wurde ein “Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012” durch das Robert Koch-Instituts in Zusammenarbeit mit weiterer Bundesbehörden erstellt. Diese wurde als Drucksache 17/12051 im Januar 2013 dem Bundestag vorgelegt.

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In diesem inzwischen fast acht Jahre alten Bericht stellen die Autoren mehrere verschiedene Bedrohungsszenarien dar – eine davon eine Pandemie ausgelöst durch eine Modifikation von SARS-CoV-Viren. Aus meiner Sicht beschreibt dieses „Schreckensszenario“ so detailliert die heutige Krise ein, dass es für mich schon gespenstig wirkt und ich den Autoren hellseherische Fähigkeiten unterstelle. Im folgenden habe ich euch ein paar Auszüge aus diesem Bericht (unkommentiert) zusammengestellt:

“Das hypothetische Modi-SARS-Virus ist mit dem natürlichen SARS-CoV in fast allen Eigenschaften identisch. Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Übertragung des Virus auf einen Menschen bis zu den ersten Symptomen der Erkrankung, beträgt meist drei bis fünf Tage, kann sich aber in einem Zeitraum von zwei bis 14 Tagen bewegen. Fast alle Infizierten erkranken auch. Die Symptome sind Fieber und trockener Husten, die Mehrzahl der Patienten hat Atemnot, in Röntgenaufnahmen sichtbare Veränderungen in der Lunge, Schüttelfrost, Übelkeit und Muskelschmerzen. Ebenfalls auftreten können Durchfall, Kopfschmerzen, Exanthem (Ausschlag), Schwindelgefühl, Krämpfe und Appetitlosigkeit. Die Letalität ist mit 10% der Erkrankten hoch, jedoch in verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich stark ausgeprägt. Kinder und Jugendliche haben in der Regel leichtere Krankheitsverläufe mit Letalität von rund 1%, während die Letalität bei über 65-Jährigen bei 50% liegt. Die Dauer der Erkrankung unterscheidet sich ebenfalls in Abhängigkeit vom Alter der Patienten; jüngere Patienten haben die Infektion oft schon nach einer Woche überwunden, während schwerer erkrankte, ältere Patienten rund drei Wochen im Krankenhaus versorgt werden müssen, auch Behandlungsbedarf von bis zu 60 Tagen wurde für das SARS-CoV beschrieben. Dieser altersabhängige Verlauf der Infektion mit SARS-CoV wurde für Modi-SARS nicht angenommen. Für das Modellieren der Zahlen an Erkrankten und Betroffenen im Szenario gehen wir davon aus, dass alle Altersgruppen gleich betroffen sind. Weitere Parameter, die den Verlauf modifizieren können, wie menschliche Kontakte und Mobilität in Ballungsräumen oder soziale Netzwerke wurden ebenfalls nicht berücksichtigt. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich über Tröpfcheninfektion, da das Virus aber auf unbelebten Oberflächen einige Tage infektiös bleiben kann, ist auch eine Schmierinfektionen möglich. Mit Auftreten der ersten Symptome sind die infizierten Personen ansteckend. Dies ist der einzige Unterschied in der Übertragbarkeit zwischen dem hypothetischen Modi-SARS und dem SARS-CoV – der natürlich vorkommende Erreger kann erst von Mensch zu Mensch übertragen werden, wenn eine Person bereits deutliche Krankheitssymptome zeigt. Zur Behandlung stehen keine Medikamente zur Verfügung, so dass nur symptomatisch behandelt werden kann. Ein Impfstoff steht ebenfalls für die ersten drei Jahre nicht zur Verfügung. Neben Einhaltung von Hygienemaßnahmen können Schutzmaßnahmen in dem Sinne also ausschließlich durch Absonderung Erkrankter bzw. Ansteckungsverdächtiger, sowie den Einsatz von Schutzausrüstung wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen getroffen werden. Absonderung, Isolierung und Quarantäne sind aber nur von begrenzter Wirksamkeit, da schon bei Beginn der Symptomatik eine sehr ausgeprägte Infektiosität besteht. Die Infektionskrankheit breitet sich sporadisch und in Clustern aus. Eine Übertragung findet insbesondere über Haushaltskontakte und im Krankenhausumfeld, aber auch in öffentlichen Transportmitteln, am Arbeitsplatz und in der Freizeit statt.” Seite 58/59

“Das Ereignis beginnt im Februar in Asien, wird dort allerdings erst einige Wochen später in seiner Dimension/Bedeutung erkannt. Im April tritt der erste identifizierte Modi-SARS-Fall in Deutschland auf. Dieser Zeitpunkt bildet den Ausgangspunkt des vorliegenden Szenarios.” Seite 60

“Nachdem erkannt ist, dass es sich um einen über die Atemwege übertragbaren Erreger handelt, wird die Bevölkerung sehr schnell über generelle Schutzmaßnahmen informiert (z. B. Hygieneregeln befolgen, Massenansammlungen vermeiden, ÖPNV meiden, angeordnete Maßnahmen nach IfSG befolgen). Fraglich ist, inwieweit die kommunizierten Empfehlungen/Anweisungen umgesetzt werden, bspw. inwieweit Menschen über Schutzausrüstung verfügen und diese auch korrekt einsetzen können.” Seite 67: IfSG = Infektionsschutzgesetz

“Zu den behördlichen Maßnahmen im Gesundheitswesen zählen Absonderung, Isolierung und Quarantäne. Absonderung beschreibt die räumlichen und zeitlichen Absonderungsmaßnahmen von Kranken, Krankheits- und Ansteckungsverdächtigen voneinander und auch von empfänglichen, nicht-infizierten Personen, aber auch in Gruppen (Kohorten-Isolierung, -Quarantäne, Haushaltsquarantäne). Quarantäne definiert die Absonderung nicht behandlungsbedürftiger Personen, ohne Kranke oder Krankheitsverdächtige einzuschließen. Der Begriff der Isolierung sollte exklusiv die stationäre Behandlung von Kranken und Krankheitsverdächtigen in einer Isolier- oder Sonderisolierstation beschreiben. Eine genaue Definition und präzise Verwendung dieser Begriffe ist wichtig für die Kommunikation auf allen Ebenen – insbesondere da diese Begriffe im IfSG nicht bzw. nur unzureichend beschrieben werden. Es gilt, infektionsverdächtige Kontaktpersonen zu identifizieren und zu finden, mit ihnen (teils schwierige) Gespräche zu führen und Maßnahmen, die nach IfSG vorgesehen sind, durchzusetzen. Wenn eine Kontaktsuche durch die Gesundheitsämter aufgrund der Fülle der Fälle nicht mehr möglich ist, ist eine Einzelfallmeldung nicht mehr sinnvoll und kann aufgehoben werden.” Seite 68

…und so als Ausblick, was wir noch vor uns haben (könnten):

“Es ist so lange mit Neuerkrankungen zu rechnen, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Für das vorliegende Szenario wird ein Gesamtzeitraum von drei Jahren zugrunde gelegt mit der Annahme, dass nach dieser Zeit ein Impfstoff entwickelt, freigegeben und in ausreichender Menge verfügbar ist. Der Erreger verändert sich im Verlauf der drei Jahre durch Mutationen so, dass auch Personen, die eine Infektion bereits durchlebt haben, wieder anfällig für eine Infektion werden. Hierdurch kommt es insgesamt zu drei Erkrankungswellen unterschiedlicher Intensität.” Seite 61

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Abbildung 1 von Seite 61: auf der Y-Achse ist die prozentuale Anteil der Erkrankten zur Gesamtbevölkerung und auf der X-Achse ist die Zeit in Tagen dargestellt –> wenn wir den Zeitpunkt an dem die ersten Fälle in Deutschland aufgetreten sind (irgendwann im Januar) als Ausgangsbasis nehmen, sind wir ungefähr bei Tag 100 angekommen und hätten somit die erste große Welle noch vor uns.

Zusammenfassung

Ich bin von den Autoren dieses Berichts beeindruckt, dass sie bereits zu einer Zeit, als dieses SARS-CoV-2 (oder wie es in diesem Bericht heißt: Modi-SARS)-Virus nur ein Gedankenexperiment war, schon so konkret die Ursachen und Auswirkungen dieser Pandemie beschreiben konnten. Erschüttert bin ich über den weiteren, in diesem Bericht skizzierten Verlauf der Pandemie – wollen wir alle für uns hoffen, dass sie damit falsch liegen und wir die Pandemie weltweit, und insbesondere in Deutschland, sehr bald  in den Griff bekommen werden. Damit die nächsten Wellen nicht wie in dem Bericht dargestellt Monsterwellen, sondern nur ein sanftes Nachhallens der ersten Infektionswelle – die nun bereits (hoffentlich) im Abklingen begriffen ist – werden.

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Ich habe in diesem Beitrag zumeist unkommentierte Auszüge aus dem o. g. Bericht zusammengestellt. Auch wenn diese bereits einen ersten Einblick in das Dokument geben, empfehle ich jeden die wenigen Seiten (ca. 30) selbst zu lesen.

Über

Die IT-Welt wird immer komplexer und zwischen den einzelnen Komponenten gibt es immer mehr Abhängigkeiten. Nachdem ich durch meine tägliche Arbeit immer wieder vor der Herausforderung stehe, komplexe Probleme zu lösen, möchte ich diese Seite dafür verwenden, Euch den einen oder anderen Tipp zu geben, wenn Ihr vor ähnlichen Aufgabenstellungen steht.

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